Seminar 2016

January 30, 2016

Interpretieren heisst, der Musik ihr Parfum zu entlocken.

 

Mit dem hochkarätigen Dirigenten Henrie Adams (NL) bot die World Association of Wind Bands and Ensembles WASBE am diesjährigen Seminar wahrlich ein interessantes Programm. Im Rahmen des Jungfrau Festivals abgehalten, versammelten sich Ende Januar rund vierzig Teilnehmende in Interlaken, um den Ausführungen des Dozierenden über die „Kunst des Interpretierens“ zu lauschen und im Workshop mit dem Swiss Saxophone Orchestra die konkrete Umsetzung zu verfolgen.

 

Das Swiss Saxophone Orchestra probt unter den aufmerksamen Augen und Ohren des Workshop-Leiters Henrie Adams (NL) und der Stabführung von Valeria Bernikova, Studentin an der HKB.

 

Im Eröffnungsreferat beleuchtete Henrie Adams, Chefdirigent des Sinfonieorchesters «La Artistica» Bunol (E), die Geschichte der Profession Dirigieren. Dass Dirigieren jung halte, war eine erbaulichere Äusserung als die Erwähnung des tragischen Todes des Ur-Dirigenten Lully, der sich mit seinem Taktstock ungeschickterweise selbst eine tödliche Blutvergiftung beibrachte. Er beleuchtete die Entwicklung der Orchesterstruktur bis ins beginnende 19. Jahrhundert mit der Funktion des klassischen Konzertmeisters über den altertümlichen „Kampf der Dirigenten“ mit mehreren, gleichzeitig agierenden Register-Dirigenten im Orchester weiter bis hin ins 20. Jahrhundert, wo ein einziger Dirigent dem Orchester das Werk nahe bringt und es mit ihm auf seine ganz eigene Weise interpretiert.

Es muss höhere Kriterien geben als die Werktreue, dies das Fazit seiner Ausführungen zur Interpretation. Nicht nur Umsetzung des Tempos und möglichst korrekte Wiedergabe der Notation sowie das Erarbeiten der Klangfarben sollen Massstäbe für die Interpretation bilden. Es war bis Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidend für Dirigenten, die Notenschrift möglichst perfekt wiederzugeben. Heute besteht der Anspruch, das bekannte musikalische Werk mit jeder Aufführung interpretatorisch neu zu erschaffen. Als Beispiel führte Adams den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt an.

 

Im Moment kreierte Musik ist sehr flüchtige Materie, überschreitet während dem Verklingen bereits die Schwelle zur Vergangenheit. Was ist eigentlich Musik? Ein Bild hat zwei Dimensionen, eine Skulptur wirkt dreidimensional. In welcher Dimension arbeiten wir denn mit der Musik? Adams bezog sich auf die vierte Dimension, die Zeit. Dirigieren heisse, Zeit zu konkretisieren. Eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, denn– wie  könne man Zeit durch Musik konkret erlebbar machen, wenn die Zuhörer nach einem Konzert sagen würden, die Zeit sei einfach verflogen?

 

Atem, Odem bedeutet Leben, musikalisches Leben, ganz konkret

 

Atem heisse, in konkretem, direktem Kontakt mit dem Leben zu stehen, immer mit den Musizierenden, mit der Musik mitzuatmen. Dies verleihe der Musik Leben, Spannung, Bögen, Timing. Ohne Atem sei Musik tot. Subito piano funktioniert nur mit dem aktiven Mitatmen des Dirigenten. Das heisse schlichtes, körperliches, aber unspektakuläres  Mitatmen, das Mitgestalten der Phrasen, der Einsätze, der Abschlüsse, und dies ohne störend laute Einatem- oder Einsauggeräusche.  Einatmen könne auch durch die Nase geschehen, lautlos. Wichtig sei die Aktivität, das körperliche Mitgehen des Dirigenten im musikalischen grossen Ganzen.

 

Interpretation entsteht aus Detailwissen und intensiver Auseinandersetzung mit der Partitur

Was heisst also Interpretation? Was braucht es zum Beispiel für die Aufführung eines Werkes von Beethoven? Welche Nähe zum Menschen Beethoven ist notwendig, und was genau spricht aus Beethovens Werk? Diese Fragen beleuchten keine emotionalen Szenen, sind nicht bildlich gemeint. Diese Fragen führen zur Essenz der Musik, zu ihrer Kernaussage, und bleiben damit nicht an der oberflächlichen Beschreibung eines programmatischen Eindruckes hängen. Wie ist ein Stück aufgebaut, wie wurde es gestrickt? Welche grosse Form verbirgt sich dahinter? Welches Klang- und Tonmaterial wurde verwendet, welche Themen liegen vor? Wo gilt es deshalb was zu gestalten?

 

Verschmelzung zwischen Komponist und Interpretation

Henrie Adams während seines Einführungs-Vortrags im Element

 

Die Frage, die wohl alle Dirigierenden auf die eine oder andere Weise beschäftigt, stellte auch Henrie Adams: Wie erreicht man die Verschmelzung von hundert Personen in einem Orchester zu einem Ganzen? Adams machte eine Rückblende in die Zeit an seiner Hochschule, als er noch in Ausbildung war. Die Auffassung des Konservatoriumsorchesters war eine demokratische, und so benötigte es für die ersten zehn Takte eine Stunde. Adams Fazit: Musik sei keine demokratische Angelegenheit. Wenn Musiker demokratisch funktionieren wollten, sollten sie im Kammerorchester spielen. Der Dirigent heute sei aber beileibe kein Diktator, sondern eher Psychologe. Diese Äusserung wurde mit Schmunzeln im Plenum aufgenommen.

 

Adams führte weiter aus. Das Erarbeiten der Partitur verhalte sich wie mit einem Buch, das man das erste Mal am Flughafen in einer Buchhandlung in die Hand nehme. Zuerst sei es ein flüchtiges Beschnuppern. Erst mit der Zeit offenbarten sich die Form, Periodisierung, Details. Die Partitur fordere ein stetig wiederkehrendes Eintauchen in die Komposition, halte immer wieder neue Überraschungen bereit. Adams hört Partituren nicht innerlich, sondern er erschliesst sie sich durch harte Analysenarbeit. Das Klavier halte ihn von der Arbeit ab, (Schmunzeln im Plenum), Aufnahmen höre er sich nicht an. Es sei auch wichtig, mit seinem Orchester neue Kompositionen aufzuführen.

 

Vier Töne können eine neue Welt erschaffen

 

Er führte das Beispiel Beethoven an: Die eine Tonart bedeute Tod, die andere Krieg, B-Dur stehe für Hoffnung. Gefängnis, Flucht und Befreiung münde in C-Dur. Beethovens Tonarten-Symbolik veränderte die Entwicklung der Musikgeschichte. Bruckner, Wagner und weitere nahmen diesen Impuls auf.  Diese Art Musik steht für etwas Grosses, für eine metaphysische Welt, nicht nur für eine flüchtige programmatische Handbewegung. Was bedeutet diese Urstille in Bruckners Kompositionen? Es ist die Zeit, als die Erde noch flüssiges Plasma war, keine harte Kruste zeigte. C-Dur wird besetzt mit Trompeten, die in reinen Intervallen spielen: sie verkörpern den Astralkörper, das Paradies. Motive vertonen die Schlange, den Skorpion. Bratschen repräsentieren immer die Stimme des Volkes.

 

Fazit: Es braucht viel Werkwissen, bevor der Dirigent auf das Pult steigen sollte. Es braucht Arbeit, zähe Analyse, Hintergrundwissen zur Symbolik des Werkes, musikhistorische Kenntnisse. Es genügt nicht, nur programmatische Aussagen im Werk zu suchen. Um ein Tempo, eine Interpretation begründen zu können, braucht es erweitertes Wissen.

Workshop mit dem Swiss Saxophone Orchestra: Chanel No. 5

 

Nach der Pause stellte sich das Swiss Saxophone Orchestra als Klangkörper zur Verfügung. Studierende der HKB sowie sonst tätige Dirigenten erarbeiteten mit dem Swiss Saxophone Orchestra Bachs Fuga in c-moll, die Glagolitische Messe von Leos Janacek, Gustav Holsts 2nd Suite und Bruckners Antifon «Tota pulchra est». Die Workshop-Dirigierenden versuchten, Adams Devise „Chanel No. 5“ oder das Parfum der Interpretation, des Natürlichen in der Musik, mit in ihre Interpretation einfliessen zu lassen. Der sehr facettenreiche Klang dieses Orchesters, zusammengesetzt von Sopraninosax bis Tubax (Kontrabass-Saxophon) erwies sich als sehr ergiebig und formbar. Hier setzte sich die Diskussion um das richtige Tempo fort. Je nach Raum, so Adams, könne ein Werk im Tempo angepasst aufgeführt werden. Sprich, mehr Hall erfordere tieferes Tempo,  trockene Räume vertrügen ein schnelleres Tempo des genau gleichen Stücks. So könne eine Aufführung einer Bruckner-Sinfonie je nach Ort um fünf Minuten in der Länge differieren. Ebenso bezog sich Adams in der am Nachmittag folgenden Plenums-Diskussion auf die Natur: Man solle sich mit der Dirigiertechnik ein Vorbild an der Natur nehmen und möglichst organische Bewegungen ausführen. Und: Der Akzent der Interpretation solle nicht auf der Programmmusik liegen, sondern auf der Essenz der Musik.

 

Im Anschluss erlebten die Workshop-Teilnehmenden die begeisternde Kurzprobe unter der Leitung von Henrie Adams mit der Königlichen Militärkapelle Johan Willem Friso und dem Stück «Extreme Makeover» von Johan de Meij. Am Abend liess sich diese grandios agierende Formation anlässlich ihres Galakonzertes am Jungfrau Music Festival nochmals feiern.

Das eindrucksvolle Blechregister der Königlichen Militärskappelle Johan Willem Friso (NL) in der Probe mit Henrie Adams.

 

 

GV WASBE mit Wechseln im Vorstand

 

Ueli Kipfer tritt aus beruflichen Gründen als WASBE-Präsident zurück.  Ad interim übernimmt Felix Hauswirth diese Funktion. Ebenso traten der langjährige Kassier Willy Eberling, der langjährige Vizepräsident Hans Burkhalter sowie Anita Spielmann-Spengler (Kommunikation) zurück. Neu in den Vorstand gewählt wurden in absentia Urs Erdin und Vincent Baroni.

 

Text/Bild: Anita Spielmann-Spengler 

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